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Jeux Dramatiques und Religionspädagogik

„Ich will der Josef sein.“ Lena entscheidet sich in der Runde ganz spontan für diese Rolle und weiß, dass sie im Verlauf des Spiels von den Brüdern in den Brunnen geworfen wird. Im Nachgespräch sagt sie: „Ich fand das eigentlich sehr lustig, aber in echt war der Josef sicher furchtbar traurig.“ Und Sarah, die als Mäuschen das Spiel von einem sicheren Platz aus miterlebt hat, ergänzt: „Das, was die Brüder gemacht haben, das war böse.“

Die Ausdrucksspiele haben neben der Lust am gemeinsamen Spiel einen Mehrwert in verschiedenen Bereichen des religionspädagogischen Handlungsfeldes:

  • Sachbereich: Im Spiel zur Bibel erleben Kinder und Erwachsene die Geschichte und finden dabei ihren persönlichen Zugang zu dieser uns heute fremd erscheinenden Welt.
  • Persönlicher Bereich: Das gemeinsame Spiel ist ein Angebot, in den unterschiedlichen Rollen verschiedene Emotionen zu entdecken und auszudrücken.
  • Lebenswirklichkeit: Die uralten religiösen Texte erzählen von den Erfahrungen der Menschen mit anderen Menschen und mit Gott. Sie erzählen von Freude, Leid, Kummer, Trauer. Von Freundschaft wird erzählt und auch von Verzweiflung, Hass und Hoffnung. Diese Texte berühren oft hochaktuelle Themen. Die Auseinandersetzung damit ist gleichzeitig praktisch erlebte Demokratiebildung.
  • Kommunikation: Im Ausdrucksspiel entdecken Kinder und Erwachsene die Geschichten aus vielen Perspektiven heraus und bringen im Gespräch ihre Sichtweisen und Erlebnisse zusammen.
  • Auslegung und Deutung: Ein multiperspektivischer Blick hat für das Verstehen und Auslegen von religiösen Texten, die Exegese, eine lange Tradition, sowohl in der jüdischen als auch in der christlichen Theologie. Die Jeux Dramatiques begrüßen und fördern diese Perspektivenvielfalt, erweitern und vertiefen sie im Erleben und im Austausch darüber, gerade auch im interreligiösen Setting.
  • Theologie: Die Jeux Dramatiques sind im religionspädagogischen Kontext ein Zugang zum Theologisieren, zum Nachdenken und Sprechen über Gott und den persönlichen Glauben. Sie leisten damit ein Beitrag zur Kindertheologie, von der auch die erwachsenen Spielleitungen lernen können.
  • Soziales Lernen und Ethik: Das gemeinsame Spiel trägt zu sozialem Lernen bei. Die Grundhaltung der Nächstenliebe und der Jeux Dramatiques, die gegenseitige Annahme und zugewandte Wertschätzung, wird gefördert. Ethische Fragestellungen werden im Spiel erlebbar gemacht. Das regt zum Nachdenken über Gut und Böse an.

Beispiele

Folgende Beispiele zeigen Möglichkeiten auf, was in bekannten religiösen Texte durch das gemeinsame Spiel vertieft erlebt werden kann.

  • Schöpfungstexte aus den Weltreligionen – Aus dem Nichts entsteht vielfältiges gutes Leben.
  • Vätergeschichten (in der Bibel und im Koran) – Gott begleitet die Menschen in Streit, Trauer, Freude. Gottes Segen wird im Leben der Menschen erfahrbar.
  • Mose und der Auszug aus Ägypten – Gottes Name „Ich-bin-da“ ist Programm.
  • Psalmen – Die alten Versen können auch Ausdruck eigener Erfahrungen und Gefühle sein.
  • Das Leben am See Genezareth – Land und Leute im Israel zur Zeit der Bibel (Landschaft, Berufe, Hausbau…)
  • Die Sturmstillung – vom wilden Sturm, der Angst und der Möglichkeit, Ruhe zu bewahren
  • Heilungs- und Begegnungsgeschichten – Jesus wendet sich Kranken und Ausgegrenzten zu.
  • Gleichnisse – Das kleine Schaf geht nicht verloren, der „verlorene“ Sohn wird wieder aufgenommen. Zum großen Gastmahl sind alle eingeladen.
  • Legenden von der Heiligen Elisabeth, St. Martin und Bischof Nikolaus – Die verschiedenen Aspekte von Teilen und Nächstenliebe werden am Beispiel konkret.

weitere Anwendungsbereiche: Kindergarten - Grundschule - Pädagogisches Fachpersonal - Heilpädagogik - Sprachheilpädagogik - Ergotherapie - Märchen, Sagen, Mythen - künstlerisch-ästhetische Felder

 

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